Der Kanzellenrückwandhebel

Von Igor Flach 

Was muß der Mundharmonikaspieler nicht alles erleiden! Bis zu Verkrampfung
führende Zungenbewegungen, und vor allem die Kieferzange muß wie ein
mechanisches Präzisionswerk schnell und meist sehr genau arbeiten.
Besonders die tiefen Mundharmonikas verursachen häufig
Intonationsschwierigkeiten bei den Harpspielern.
Ein Beispiel: Versucht man den 1. u. 2. gezogenen Ton einer G-Harp (oder
tiefer) laut und perkussiv als Intervall anzuspielen, gelingt dies nur, mit
großer Mundhöhle, ähnlich dem übertriebenen "Oh" beim sprechen. Macht man
dies nicht, sind die gewünschten Töne nur sehr leise sauber spielbar, so
daß kein unerwünschtes Klingeln oder Pitchen (abweichen der Tonhöhe)
entsteht. Den Extremfall kann man an einer "low C" ausprobieren. Das tiefe
"D" der ersten Kanzelle gebendet als "Cis" spielen. Dies wird meist Frauen
und jugendlichen Harpspielern kaum gelingen, da ihr Mundhöhlenvolumen und
die Zunge meist zu klein sind. Zumindest gibt es für diese Zielgruppe von
Harpspielern die Ausweichmöglichkeit in die nächst höhere Oktave ( low C -
norm. C; norm. G - high G... ).
Genau aus dieser anatomisch bedingten Einschränkung heraus mußten die
Erbauer der Baßmundharmonikas ein Instrument entwickeln, welches wie alle
weiteren Blasinstrumente weltweit funktioniert. Nämlich ausschließlich beim
Ausatmen von Luft. Es ist aber leicht vorstellbar, unsere
Bluesmundharmonika hätte einen Kanzellenkörper mit einer unmittelbar hinter
den Tonschlitzen abgeschnittenen Rückwand, samt Stimmplatten. Nun könnte
man durch die Harp hindurchsehen. Ein Draufblick ergäbe eine leichte V-
Form. Anstelle der nun nicht mehr vorhandenen Rückwand gibt es nun zwei
ausgestanzte Rückwände, ähnlich dem Tonschieber einer chromatischen
Mundharmonika., welche mittels eines einzigen Hebels zu betätigen sind.
Dieser wiederum ragt jeweils diagonal an beiden Seiten des Kanzellenkörpers
heraus und kann mit einer einzigen Fingerbewegung betätigt werden. Die
Mundharmonika wäre nun von vorn und von hinten spielbar. Eine Vielzahl
Neuerungen brächte dies mit sich.
Zunächst wären alle gezogenen Töne als Blastöne sauber spielbar. Die
Bendingtöne 7- 10 kann man plötzlich gezogen spielen. Überblasen ist nun
als Overdraw (Überziehen) möglich und umgekehrt.
Hinzu kommt ein äußerst interessanter Aspekt, der spezielle Sound, den
jeder Harpspieler beim Ziehen der Töne mit Hilfe des Zwerchfells, dem
Rachenraum und der Mundhöhle erzeugt. Dieser, dem Harpspieler eigene Ton,
kann nun auf alle Blastöne übertragen werden. Einfach den
Kanzellenrückwandhebel betätigen, die Mundharmonika umdrehen und nicht
vergessen vorher auszuatmen!
 


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