Zur Situation des Blues in Deutschland
Hubert Brüning sollte für den den HP eine Besprechung der CD von Klaus  "Mojo" Kilian und Bernd Simon "Down Home Percolators" schreiben. (Siehe S. 24). Dabei kamen ihm allgemein ein paar Gedanken über den Blues in Deutschland. 
Das Problem: Warum scheinen selbst beschlagene Musiker dazu gezwungen zu  sein, auf Uraltmaterial zurückzugreifen? Immerhin erfreulich, wenn - wie hier - seltener ehörtes geboten wird... was jedoch eher die Ausnahme als die Regel ist.
Keinem deutschen Musiker ist das Recht abzusprechen (Kunstfreiheit!), die was-weiß-ich-wievielte Version eines Bluesstandards zu spielen, denn diese Songs haben einen unschätzbaren Vorteil: Sie sind prägnant, daß es wirklich eine Freude ist sie zu hören ( It's the song, not the singer") - zumindest das Original, aber auch  as gut gemachte Cover. Was aber ist ein gutes Cover? Die technisch perfekte,  erkgetreue 1:1-Übernahme oder die Suche nach anderen, neuen Aspekten (in) der  orlage? Noch etwas spricht grundsätzlich für Coverversionen: Traditionspflege,  enn die Überlieferung alter Geschichten ist die älteste Mitteilungsform der  enschheitsgeschichte. Oft genug aber drängt sich dabei heute der Verdacht einer  ewissen Beliebigkeit auf: Der Musiker spielt was verlangt wird, das Publikum  erlangt was es kennt. Bequem!
Selbst die beste Neufassung kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß es deutschen  luesmusikern häufig an eigenen Ideen mangelt und deshalb die Weiterentwicklung  er Bluesmusik in Deutschland nahezu vollständig zum Erliegen gekommen ist.
Fazit: Etwas mehr Phantasie auf beiden Seiten kann dazu beitragen, heimischer  Bluesmusik neue Anstöße zu geben - das gilt insbesondere für Koryphäen wie Bernd Simon oder Klaus Kilian, denen hoffentlich selbst klar ist, daß es unbefriedigend  ist, den Blues nur am Leben zu erhalten. 
Hubert Brüning
Da mußte ich einfach antworten:

Unbefriedigend für wen? Ich glaube, das ist so ein Wahn, dem manche verfallen sind, daß sie glauben, ein Künstler hat nur dann eine Existenzberechtigung, wenn er in der Lage ist, immer wieder etwas Neues zubringen. Da könnte man ja fast die gesamte sogenannte E-Musik einstampfen... (  E" heißt hier ausnahmsweise mal nicht elektrisch). Ist ja auch kein Wunder in einer von der Marktwirtschaft geprägten Gesellschaft, in dem jeder Produzent von Irgendetwas ständig aus Gründen des Konkurrenzkampfes mit seinen  Neuerungen und Verbesserungen" werben muß und schon eine neue Zahnpasta  revolutionär" genannt wird. Ich glaube, daß Musiker, die nicht unbedingt in die Hitparade wollen, ganz froh darübersind, daß die Gesetze der privaten Marktwirtschaft nur begrenzt auf künstlerische Produktionen anwendbar sind. 
Natürlich, Unzufriedene gibt es immer, aber die brauchen die Platten ja
nicht zu kaufen.
Didi Neumann

Dann fand ich das ganze Thema so interessant, daß ich diesen Text sofort an einige über E-Mail erreichbare Leute schicken mußte, vor allen an Leute von denen ich wußte, daß sie ganz gern  olle Kamöllen" spielen. Und wen wunderts, schon am nächsten Tag lagen ellenlange Antworten in meiner
Mailbox

Hier sind einige davon:
 

Hubert hat natürlich völlig recht: Eine Coverversion ist nicht der Gipfel der Kreativität. Da wir die Titel nicht 1:1 nachspielen, lassen sich in Arrangement und Soli eigene Ansätze verarbeiten; manchmal ­ wie bei  John Henry" ­ wird ein völlig neues musikalisches Konzept entwickelt. Aber im Prinzip spielen wir nach und verarbeiten nur wenige wirklich eigene Ideen. Aber das liegt nicht daran, daß wir zu dumm oder zu unkreativ wären; wer meine früheren Arbeiten mit der Matchbox Bluesband und Bernds mit Blues Abroad kennt, weiß das. Mit dem Duo betreiben wir bewußt Traditionspflege: Wir wollen dem Publikum alte Bluesstile präsentieren, die hierzulande ansonsten gar nicht oder nur selten in authentischer Weise dargeboten werden. Und zwar anhand von unbekannteren Titeln, die aber immer mit wichtigen Musikern oder Stilen in Verbindung stehen. Nicht alle Zuhörer können immer was mit dem Material (und meinen Ansagen) anfangen, aber andere wiederum fragen nach und kommen so zu den Originalen.
Es ist einfach eine Frage, für welche musikalische Ausrichtung man sich entscheidet. Wir spielen den alten Kram. Andere experimentieren, machen neue Texte, variieren die musikalische Form etc. Beides hat seine Existenzberechtigung. Wenn man unbekanntere Bluestitel nachspielt, sind diese dem Publikum in den meisten Fällen genauso fremd wie eigene Songs, kommt also aufs gleiche raus. Und dann wäre da noch die Frage, was kreativer ist: eine gute Neubearbeitung oder ein eigener Song, der die traditionelle Bluesform benutzt. Und wenn man darüber hinausgeht? Ist dasdann noch Blues? Wo sind die Grenzen?
Ich sehe übrigens die Zukunft des Blues in Deutschland nicht so düster wie Hubert. Es gibt durchaus einige Bands und Interpreten, die gute eigene Songs schreiben und kreative Ansätze entwickeln. Doch es gibt im Blues (leider?) nicht allzu viele Möglichkeiten der Variation, wenn es noch nach klassischem Blues klingen soll. Gerade bei akustischen Bluesleuten ­ insbesondere aus den USA ­ kann man deshalb beobachten, daß die reinen Bluessachen meistens nachgespielt sind und die eigenen Sachen in Richtung Contemporary Folk oder Singer/Songwriter gehen. In Deutschland gibt es dann noch das leidige Sprachproblem: Man kann ja schon froh sein, wenn man halbwegs akzentfrei singen kann ­ aber dann noch in der Fremdsprache überzeugende eigene Texte schreiben? Nicht von ungefähr sind die meisten einfallsreichen Blueskompositionen aus deutschen Landen auch in Deutsch
oder Mundart verfaßt.
Letztendlich führen wir hier eine intellektuell-abgehobene Debatte, denn dem Großteil des Publikums ist es völlig schnuppe, ob der jeweilige Song bekannt, unbekannt oder selbst geschrieben ist ­ wenn's groovt, abgeht, ins Herz trifft und/oder einfach geile Musik ist, dann ist es gut. Blues ist Gefühlsmusik. Und Gefühle ergeben sich aus dem Moment. Und den kann niemand planen. Insofern ist jeder Song immer nur ein Gerüst für das, was während der Aufführung daraus werden kann.
Klaus Kilian
Was ist  "Uraltmaterial"? Wann wird ein  Stück dazu? Wodurch wird es dazu?  Ist die  West Side Story" in diesem Sinne  "uralt"? Oder die Suiten von  Bach? Oder schon Thelonious Monk? Eins wird wohl rasch klar:  "Altersschwäche" oder  "Jugendfrische" musikalischen Materials hat nichts mit den Jahren zu tun, die seit der Komposition oder Aufnahme vergangen sind. Und in diesem Sinne ist letztlich jeder Blues generell  "alt", wenn nicht gar  "uralt".  "Jung" - im Sinne von  mitreißend, viele Menschen begeisternd" - kann auch  "alte" Musik sein. Das ist wohl eine allgemeine Alltagserfahrung. Und wenn man bedenkt, wie langweilig, nervend und geisttötend extrem aktuelle Musikstile aus dem Kinder- und Jugendbedröhnungsbereich sind oder sein können, ist der Begriff  "uralt" schnell aufgeweicht. Die Songs sind nun einmal  ...prägnant, daß es wirklich eine Freude ist sie zu hören ( It's the song, not the singer) - zumindest das Original, aber auch das gut gemachte" Cover."
Ein Cover ist gut, wenn es mir gefällt. Weder die perfekte Kopie noch überwältigende neue Aspekte sind generell richtige Rezepte. Jeder Musiker weiß, daß es meist ein halbes bis sieben Dutzend Möglichkeiten für neue Versionen eines Titels gibt. Und genau da spielt eben das Fingerspitzengefühl im Ohrläppchen eine große Rolle. Entweder, die Sache sitzt und klingt - oder eben nicht. Was das Publikum darüber denkt, ist dann wieder eine völlig andere Kiste.
Traditionspflege? Na gut, kann auch ein Grund sein, wenngleich mir die Pflege der Tradition einer bestimmten ethnischen Gruppe innerhalb der USA durch Leute aus Südhessen oder Oberbayern zuweilen seltsam erscheint. Ich gebe zu, daß mir persönlich die Pflege ostasiatischer Kampfsportarten durch mittelschwedische oder westschottische Menschen ebenfalls zuweilen seltsam erscheint. Aber man hat sich wohl daran gewöhnt in einer Welt, in der die Leute in Europa Äpfel aus Südafrika, Chile und Neuseeland essen, während das heimische Obst im Herbst am Baum vergammelt.
 Der Musiker spielt, was verlangt wird, das Publikum verlangt, was es kennt. Bequem!" Nein, nicht bequem, sondern schlichte Notwendigkeit. Der Bluesmusiker bedient den blauen Teil der Publikumsseele, der Volksmusikant den rot-weißen oder blau-weißen, der Schlagersänger den buntsortierten, der Klassikpianist den anthrazitfarbenen - denn die Musiker leben davon, daß sie Menschen mit Seelennahrung versorgen. Genauso leben Bäcker, Metzger, Gemüse- und Milchhändler von der weitverbreiteten Sitte der meisten Menschen, Hunde, Katzen und Goldhamster, täglich mehrmals Nahrung in den Mund zu stecken. Und der  "Super-Spezial-International-Dooper-Killer-Schoko- und-Mais-und-Weizen-und-Hafer-blablabla-Riegel" besteht letztlich auch nur aus Kohlenhydraten, Eiweiß, Fett und ein paar Details, besonders bei der Verpackung. Auf deutsch: Man muß genau hinhören oder -schmecken, was in der Musik und im Futter drin ist, um nicht einem billigen Machwerk aufzusitzen. Der eine Bäcker hat eben verkaufsfördernde Ideen, der andere nicht. So ist das bei Musikern auch. Eigene Ideen und sprühende Phantasie sind in der Tat durchweg Mangelware, das gilt jedoch für sehr viele Berufsgruppen. Aber - bitteschön! - was ist denn unter der  Weiterentwicklung der Bluesmusik in Deutschland" zu verstehen, die  nahezu vollständig zum Erliegen gekommen" sein soll? Da hätte ich gerne mal gewußt, wer in der Vergangenheit (in  uralten" Zeiten????) die Bluesmusik in Deutschland weiterentwickelte. Denn wenn etwas  nahezu vollständig zum Erliegen gekommen" ist, muß es ja mal irgendwann weit heftiger gesprudelt haben.  Neue "Anstöße" - in Ordnung!  Blues nur am Leben ... erhalten"? Das tut niemand  nur" so. Wenn es sich nicht verkauft, wird im Musikgeschäft nichts am Leben erhalten. Und da finde ich den guten,  "uralten" Blues noch ganz schön lebensfähig. 
Wailin' "Willie" Küppers
Hubert Brünings Unzufriedenheit kann ich gut nachvollziehen. Mir stellt sich anläßlich seiner Kritik die Frage, wie eine Entwicklung des Blues vorstellbar ist. Udo Wolff, Sänger und Harpspieler des Dritten Ohrs, einer inzwischen uralten Blueskapelle aus Hildesheim, machte es sich in einem Radiointerview mal ziemlich einfach, als er nämlich behauptete, daß auch ein Eric Clapton im Blues eigentlich nichts Neues mehr zustandegebracht habe. Es habe alles schon einmal, sogar meist besser, gegeben. Damals glaubte ich ihm nicht, inzwischenstimme ich ihm weitgehend zu. Deutsche Texte, im Rap-Modus auf 16-statt 12 Takten, dabei Tonika, Dominante und Subdominantedurcheinandergewirbelt, und in Fis statt in A - ist das was Neues? Nein, natürlich nicht. Aber was sonst?
Musikalisch ist die Bluesform, so denke ich, ganz zweifellos stock-konservativ. Rhythmisch, harmonisch und melodiös ist innerhalb des Blues kein Aufbruch zu neuen musikalischen Ufern zu erwarten. Den Anspruch, auf Grundlage des Blues musikalische Innovationen ingangzusetzen, ohne den Blues dabei zu verlieren, halte ich für nicht einlösbar. Dort wo versucht wird, die musikalischen Formen radikaler  auszuloten, landet man vielleicht beim Soul oder Latin, eventuellbeim Rock oder wohl am ehesten beim Jazz.
Ein neu geschriebener Bluessong ist musikalisch immer schon ein uralter Bluessong, auch wenn vielleicht überraschenderweise statt zweier Gitarren zwei Akkordeone eingesetzt werden und in den Texten vielleicht nicht mehr die beschissene Arbeit auf den Cottonfields oder die traurigen Chaingangs geschildert und das lockere Leben als Hobo gepriesenwerden mag. Aber welcher Musiker nimmt Texte überhaupt Ernst?
Zur Beurteilung des Blues leitet die Orientierung an den beiden Polen Konservatismus und Innovation deshalb fehl, weil sie haarscharf am paradigmatischen Kern des Blues vorbeizielt. Der Blues lebt nicht von musikalischen Innovationen, wie sie bis zu einem gewissen Grade in der populären Popmusik relevant sind, sondern aus dem Spannungsverhältnis von Kontrolle und Freiheit heraus, bei denen abwechselnd mal Lust und mal Leid (oder Euphorie und Depression) im Vordergrund stehen. Von je her geht es um Leid und Lust im Blues, bis in die im Blues aufgehobene typische Unentschiedenheit zwischen  lustiger" Dur- und  leidiger" Moll-Tonalität hinein. Die Kontrolle wird durch die strenge musikalische Form ausgeübt. Freiheit scheint auf, wenn es den Musikern gelingt, hoch subjektiv ihre ganze Expressivität in ein Solo hineinzulegen und die Kontrollelemente der Musik für die Zeit des Solos vergessen zu machen. Ein Solo ist riskant und wird spannend, weil das Solo danebengehen kann. Das Solo ist der genau ausgewiesene Ort im Blues, in dem musikalisch etwas Überraschendes passieren kann, ja etwas passieren muß!
Wenn Hubert Brünings Kritik darauf abzielte, daß viele Bluesbands nur altbekanntes Repertoire 'runterreissen, und selbst die Soli darin noch Ton für Ton durchgepaust werden, dann würde ich ihm vollständig rechtgeben. Ja, genau so ist es. Es war aber auch nie anders, deshalb trifft die Kritik nicht. Blues ist ohnehin nur eine Gebrauchs- und Abfeiermusik, die mit musikalischer Kunst aus meiner Sicht wenig und mit handwerklichem Können viel zu tun hat. Wenn man Brünings Kritik auf die Soli bekannter deutscher Bluesmusiker bezögeund behauptete, daß dort seit Jahren nur mehr oder weniger mutlos herumgestochert und nichts mehr gewagt würde, dann würde ich das dagegen bestreiten. Gerade auch anhand der HP-Kompilationen kann man verfolgen, welch große Entwicklung insbesondere im Harpbereich in den letzten zehn Jahren stattgefunden hat. Beständig läßt sich bei diesen etwas Berührendes, etwas Elektrisierendes, etwas Neues und Interessantes, etwas Geheimnisvolles entdecken. Jedenfalls geht es mir so. Viele junge Harper spielen beeindruckend virtuos und verfügen über ein breites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten. Ihre Art zu spielen ist notwendig modern, weil sie gar nicht umhin können, den Stress zu formulieren, unter dem sie als Mitglieder einer modernen Gesellschaft stehen. Moderne Bluesdarbietungen sind oft sehr schnell, sehr hart, sehr laut, witzig und sehr virtuos. Sie reagieren damit zwangsläufig auf die hohen popmusikalischen Standards, die mit der Elektronisierung der Musik entstanden sind. Es sind die Soli, die sich verändern, und in dessen Fahrwasser auch der Blues sich insgesamt ändert.
Wollte man den Stand der Entwicklung des Blues (in Deutschland) beurteilen, dann aus meiner Sicht anhand der Qualität der Soli, nicht aber anhand des Repertoires oder dem (fehlenden) Experimentieren mit der Bluesform. Wenn einen die Bluesform und die Soli zu langweilen beginnen, könnte es einfach an der Zeit sein, den Blues zu verlassen.
Martin Rost
We can neither kill nor keep the Blues alive no matter how hard we try, they will always survive, unabhängig von unseren Anstrengungen. Blues is not just a style of music, or a certain tradition sondern etwas was in jedem von uns drin steckt, also
ein Bestandteil unseres Lebens. I have heard Heavy Metal / Rock / Jazz / Country / Rap / Reggae / Folk - yes and even classical musicians who play their music so true and emotionally, daß jeder erkennen kann, daß der  sogenante Blues" überall zu hören ist. Neither Germany / America / or even Africa is responsible for keeping the Blues alive traditionally or musically. As long as we humans maintain the deep urge to express our thoughts and feelings through music these so called blues will survive Internationally.
P.S. Music is one of the most important things that brings people together, so let's stop crying:  Oh mama, how should the blues be played?"
Just express yourself in your own individual way. Allow yourself at least this much freedom.
We weren't ment to be stuck in the blues, sondern befreit durch den Blues. Wer dies nicht kapiert, hat entweder den Zug verpaßt oder ist einfach nicht eingestiegen. All Abord!
Dale King
Ich kann schon nachvollziehen, was Hubert Brüning damit meint. Für mich liegt die Existenzberechtigung des Musizierens in denjenigen seltenen Momenten, wo die Grenzen des alltäglichen übersprungen oder gesprengt werden und irgendwas Einzigartiges aus dem Moment heraus einfach geschieht. Da wird man als  Schaffender" glücklicherweise zum Kanal für eine größere kreative Kraft und spielt manchmal Dinge, die ohne große Überlegung in einem Guß aus einem herausfließen. Gewiß eine spritualistische Einstellung wenn du willst, aber ich glaube aus eigener Erfahrung fest daran. Die Musik lebt von der Leidenschaft und nicht von der Form. Nur so kann man auch die Herzen der Menschen im Publikum wirklich berühren.
Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob das Lied von dir selbst oder von jemanden anders stammt. Die Überzeugungskraft, die der Zuhörer spürt oder nicht spürt, muß eben vorhanden oder nicht vorhanden sein. Sie besteht natürlich nicht nur aus Begeisterung, sondern aus konkreten Fähigkeiten, die ebenfalls letztendlich auf Erfahrungen basieren. Originalgetreues Nachspielen als Vorgabe wird wahrscheinlich nur selten die Wirkung zeigen, die eine beseelte Eigenfassung bietet, aber auch mittelmäßige Eigenkompositionen sind kein Ersatz dafür. If it ain't got soul 
Steve Baker
Der Blues als Wurzel der heutigen Rock- und Popmusik wird hier in die Marktmechanismen dieser Industrie hineingeworfen und mit dem Leistungsdenken unserer Zeit verbunden: zwanghafte Suche nach neuem Sound, neuem Songs, Innovation und auf keinen Fall zurückblicken, denn die Charts von voriger Woche sind Schnee von gestern (und bringen keine neue Kunden und neue Kohle). Auf der anderen Seite, ist diese Popwurzel aber nun schon in ein Alter gekommen in welchem es auch historisch betrachtet werden muß. In den 20er und 30er Jahren war diese Musik (oft) schlicht  Pop"- und Tanzmusik, mittlerweile sind die meisten alten Musiker in Vergessenheit geraten und ebenso die geniale Musik dieser Zeit. Die Traditionspflege mag sicherlich ein Beweggrund sein für das Spielen von  Uraltmaterial". Aber für mich als sehr traditionell orientierten Musiker ist vor allem die Freude an dieser alten Musik ausschlaggebend und nicht der sehr rationale Traditionspflegeaspekt. Ein sehr wichtiger Grund alte Stücke zu spielen ist für mich der, daß ich es oft peinlich finde, wie viele Musiker  Bluesnummern" schreiben und von ihren Lebensumständen darin sprechen (dabei möchte ich meine Stücke aus früheren Blues-Rock-Zeiten nicht ausnehmen). Diese  Weiterentwicklungen" des Blues sind oft derart plump und klischeehaft, daß eine Rückbesinnung auf die Qualität der frühen Musik keinem Musiker schaden kann. Diese Rückbesinnung meint ausführliche Studien der Wurzeln des Blues und das Entdecken der Vielfalt der damaligen Bluesformen. Aus diesem Lernprozeß können wiederum neue zeitgemäße Lieder entstehen, aber dann auf einem anderen Fundament als auf  I woke up this morning, feeling so bad, cause there are so many bluesbands, make me feel sad...." 
Andreas Kilger
Grundsätzlich frage ich mich aber eigentlich sehr oft, was Kritiken eigentlich überhaupt sollen, sind sie doch meistens oder zumindest sehr oft, von gefrusteten, gescheiterten, neidischen oder ähnlichen Musikern geschrieben. Die nicht bessere Variante unter den Kritikern sind dann noch die überaus blumig bis verwelkt schreibenden Journalisten, die jedoch vom Musikmachen so viel Ahnung haben wie ein Delta-Blueser von Noten.
Außerdem denke ich, ist es jedem selbst überlassen, ob er nachspielt oder/und selbst schreibt und komponiert. In meinem Soloprogramm  Patrick's Blues" spiele ich z.zt. keine  ollen Kamöllen", sondern ausschließlich eigene Songs, mit Hubert Hofherr ist die Sache gemischt, und mit dem Achim Göres sind es wirklich die  ollen Kamöllen" alias Best Rockin' Goodies.
Wichtig und unerläßlich finde ich aber eines: den persönlichen Stil und den eigenen Ausdruck in der Interpretation. und da fehlt es in der BRD leider wirklich vorne und hinten, v.a. im Blues. Denn eine 1:1 Coverversion ist immer nur ein fader Abklatsch des Originals, wenn auch noch so gut gespielt. Hier unterscheide ich dann auch scharf zwischen Kunst und Kunsthandwerk. es gibt hier viele ganz gute Musiker, aber es interessieren mich nur die wenigen, die sich selbst treu bleiben und nicht auf Deibel-komm-raus so klingen wollen wie der alte Blueszupfer oder die junge geile Rocksängerin. Wodurch ich auch gleich zum Ausdruck bringen möchte, daß das Gesagte schon auf alle Musik- bzw. Kunstrichtungen gleichermaßen zutrifft. Es stimmt leider: Gerade dieser (harten) Arbeit an der persönlichen Entwicklung als Musiker, gehen hier sehr viele (Blues-)Musiker aus dem Weg. An dieser Stelle möchte ich diese Kritik gerne ausweiten auf die Musikproduzenten in unseren landen, die trotz höchster Hightech im Studio leider meistens weit davon entfernt sind, einen eigenen  Sound" zu produzieren, was zur Folge hat, daß die Ami-Platten halt dann doch meistens viel besser weil eben  origineller" (im Sinne dieses Wortes!) klingen.
Ein kleines Beispiel: laß doch mal den alten Gassenhauer  Mojo Working" ein paar Leute wie B.B.King, Joe Cocker, Tina Turner oder James Taylor singen, das Resultat wird jedesmal ein völlig anders sein. denn jede(r) dieser genannten Sänger ist Künstler (nicht Kunsthandwerker) genug, den Song künstlerisch zu bearbeiten und eigenständig zu interpretieren. und jeder Produzent dieser Künstler wird noch sein Übriges dazu beitragen, das Ganze zu einer kleinen Kostbarkeit zu verfeinern.
Genau dieses ist auch mein musikalisches Ziel, wenn ich mich den  ollen Kamöllen" zuwende. Dann ist es oft sehr spannend, das essentielle aus einem Song heraus zu picken, es von einer 7-köpfigen Allman Brothers Band für ein acoustic Duo (oder für einen einzelnen singenden Gitarristen) um zu arrangieren , um dann den Song in meiner Tonart, mit meiner Stimme ( ohne diese fürchterliche Nachahmung, s.o.!) und meinem Groove live aufzuführen. Die  Existenzberechtigung"... hat für mich sowieso jeder, ob er nun 'was Neues bringt oder nicht. Aber wie oben beschrieben, mache ich den feinen Unterschied zwischen Kunst und Kunsthandwerk (die ja auch beide ihre Existenzberechtigung besitzen), und was neues muß nicht unbedingt ein neuer Song sein, aber auch eine 100000000...mal gespielte  olle Kamölle" wird zur Kunst, wenn die eigene Idee der persönlichen Interpretation dahintersteckt:   It`s the singer AND the Song!"
Mano Maniak 
Zum Thema Blues in Deutschland scheint es im Moment eine ganze Menge Leute zu geben, die diesen Aspekt der deutschen Musiklandschaft irgendwie erwähnenswert finden. Demnächst soll ein Artikel von Wolfgang Bernreuther in der Münchner Jazzzeitung zum Thema kommen und bei Inakustik ist für den Herbst ein Sampler mit deutschen Bands geplant. Der Sampler von Stumble Records ist ja gerade erschienen und in Köln hat es ja ein kleines Treffen diverser Leute aus dem Bluesgeschäft gegeben.
Meiner Meinung nach ist die Szene heute ein vielfältiges Biotop mit einer kleinen professionellen Spitze in der inzwischen Musiker mitmischen, die international problemlos mithalten können. Leider ist die Reaktion in den Medien weitgehend unbefriedigend, was meiner Meinung nach leider damit zusammen hängt, daß in der Szene (noch) nicht genügend Geld ist um auch in den großen Medien hinreichen präsent zu sein (z.B. VIVA, Rolling Stone etc.).
Thomas Gutberlet
Jedem steht seine eigene Meinung zu, doch nach Huberts Brünings Gedankengängen müßten die Bücher der (Blues-) Musik neu geschrieben werden. Der Blues bestand schon immer auch aus Songs, die nachgespielt wurden. Darauf begründet sich doch die gesamte Entwicklung der populären Musik!
Huberts   Abrechnung" ist nicht fair. Natürlich gibt es Künstler in Deutschland, die stetig Nummern wie   Got My Mojo Working" 'runternudeln. Aber es gibt auch Musiker, die auf der Grundlage des Blues Neues und eigene Ideen verwirklichen. Ich möchte nur Harpface & The Heat oder die Working Blues Band nennen. Ebenso gibt es Bands, die traditionellen Blues in all seinen Variationen spielen. Wenn sich Musiker wie Klaus Kilian und Bernd Simon sagen:  Warum den Blues neu erfinden? Es gibt so viele alte und unbekannte Songs!", dann ist das keinesfalls verwerflich, sondern Traditionspflege. Wenn ich Huberts Worte richtig deute, dürfte ab heute kein Blueser mehr covern. Was für ein Blödsinn.Eine Musikszene, egal ob Blues, Rock oder was weiß ich, lebt doch davon,daß es verschiedene Stile, Ideen, und Songs gibt. Moderne und Tradition eingeschlossen.
Gänzlich daneben liegt Hubert mit seinem Statement, daß die deutsche Bluesszene völlig zum Erliegen gekommen sei. Wie viele der in den vergangenen 12 Monaten produzierten CDs deutscher Blueskünstler hat Hubert gehört? Mit wie vielen Veranstaltern, Musikern etc. hat er in den letzten Monaten über dieses Thema gesprochen? Weiß Hubert zumindest annähernd, wie viele deutsche Blues-Platten 1998 im Vergleich zu 1988 veröffentlicht wurden? Bevor ein Rezensent ein derart vernichtendes Urteil über eine kleine - aber sehr rege und überaus aktive - Szene fällt, sollte er sich mit den Fakten vertraut machen. 
Und die sehen so aus, daß sich kürzlich in Köln Label-Chefs, Veranstalter, Musiker, Booker und Medienmenschen aus allen Teilen Deutschlands trafen, um gemeinschaftlich Strategien zu entwerfen, die den Blues in Deutschland fördern sollen. In Zeiten, wo öffentliche Kulturfördermittel gestrichen werden, wo die Ausländersteuer zusätzlich an der Substanz nagt, und wo wir alle etwas weniger Geld in der Tasche haben, zeigt sich, daß die  kleine Bluesszene" etwas anders ist. Sie rückt nämlich zusammen und denkt über Kooperation nach. VON UNS LIEGT KEINER AM BODEN! Ganz im Gegenteil. Die Szene hierzulande ist aus einem fast 25jährigen Dornröschenschlaf erwacht und denkt über einegemeinsame Zukunft nach.
Dirk Föhrs, Blues News Magazin
Meiner Meinung nach ist die Diskussion müßig. Jeder tut eben, was er kann. Wer nicht schreiben kann, covert. Wer schreiben kann, tut das (siehe nahezu alle Stumble-Künstler).
Kilian und Simon covern sehr bewußt und mit Konzept, zudem verzichten sie auf  Sweet Home Chicago" und ähnlich ausgelutschte Nummern. Ich finde etwas immer dann ok, wenn die Entscheidung dafür konzeptionell und bewußt gefällt wurde. Die deutsche Bluesszene wäre nicht besser dran, wenn mehr eigene Nummern geschrieben würden, sondern wenn die Musiker sich von überflüssigen Klischees befreien könnten und besser spielen lernen würden. Was nützt es, wenn ein Bluesmusiker aus Kleinkleckersdorf einen eigenen Song schreibt, der davon handelt, daß das Leben auf den Baumwollfeldern so hart ist? 
Thomas Ritter, Stumble Records
Also die Sache brennt mir eigentlich auch  schon länger auf der Seele, und wir diskutieren darüber auch häufig in der Band - denn wir sind auch so traditionalistische Puristen....
Mit den alten Urbluessachen habe ich keine Probleme - der Hoochie Cootchie Man ist für mich immer noch eine Nummer, die ich über alles liebe und mich jedesmal puscht - dann erst geht der Gig richtig los!
Wir haben ihn zwar schon etwas umgemodelt aber im Grunde ist es das Original. Die Leute, die oft in unsere Konzerte kommen, haben eh oft keine Ahnung von den Sachen - die Fragen immer, ob wir das alles selber geschriebenhaben. Es wäre von daher eh wurscht was du spielst, hauptsache es groovt halt. Aber damit hab ich so meine Probleme. Ich möchte in erster Linie gut mit der Harp 'rüberkommen - mich bei Solis verausgaben, die ich entweder Note für Note nachspiele oder auch spontan selbst erfinde. Eigene Nummern gefallen mir von den wenigsten Bands. Bei den Blues Shacks gibt´s ein paar,die finde ich toll. Wir sind zur Zeit dabei und wagen uns an Stücke wie  Jump, Jive and Wail" heran, da feilen wir schon ganz schön 'rum, damit´s für uns gut klingt. 
Eigentlich ist das mit dem Neuen am Blues ne ziemlich komplizierte Sache - denn einerseits hänge ich daran, daß Blues eindeutig wiedererkennbarhalt Blues ist. Wenn jemand sagt daß z.B. Marla Glenn Blues macht - dann hab' ich da schon meine Zweifel. Aber bleibt man bei den traditionellen Blues-Schemen, und hört sich diverse Eigenkompositionen an, dann stellt man halt doch immer wieder fest, daß man z.B. anstatt  help me" irgend 'was anderes singt und schon hat man einen neuen Song komponiert. Das kann's irgendwie auch nicht sein. Ich denk auch warum alles verändern... laßt halt die einen den alten Sound machen, die anderen die  Erneuerer sein". Die muß es ja geben, aber ich würde das nicht werten! Denn was die einen durch neue Ideen schaffen, in gleicher Weise beeindrucken die anderen mit einer hervorragenden Performance auf ihren Instrumenten. Das reizt mich ehrlich gesagt am meisten: Feeling und Können - egal welcher Song - es muß was 'rüberkommen. 
Tom Feiner


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