ZUNGENSCHLAG
Internationales Klangfestival der Durchschlagzungen
3.-12. September 99
Sören Birke

Konzerte- Workshops-Vorträge-Filme-Ausstellung

Erstmalig in Deutschland präsentiert das ZUNGENSCHLAG-Festival das Spektrum der Durchschlagzungen-Instrumente. Akkordeon, Bandonéon, Organetto, Harmonium, Melodika, Mundharmonika, Sêng, Sho, Khen, Shruttibox, Maultrommel beruhen auf ein und demselben Prinzip der Klangerzeugung: der vor 4500 Jahren erfundenen freischwingenden Zunge. 
Der variable und expressive Klang der Instrumente war schon in der "heiligen" Musik der Könige und Kaiser, den Liedern der Pilger und Vagabunden und in den Beschwörungen der Schamanen zu hören, und seine Faszination ist bis heute ungebrochen. Die Klangfarben der Instrumente reichen von silbriger Feinheit bis zu kreischender Schärfe. Einzigartig sind ihre harmonischen, melodischen und rhythmischen Möglichkeiten. 
In der europäischen Musiklandschaft führen diese Instrumente ein Schattendasein, sie sind mit Klischees und Vorurteilen behaftet. Heute beschäftigen sich verhältnismäßig wenige Musiker und Performer mit diesen Instrumenten, und doch schlagen die Durchschlagzungeninstrumente eine Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, Tradition und Moderne. Das Festival wird sich beiden Richtungen zuwenden. 
 
Ausstellung

3.-5. und 10.-12. September 17-22 Uhr geöffnet 
6.-9.9. nach telefonischer Vereinbarung 
 

3.9. 18 Uhr Ausstellungseröffnung mit 
Friedrich Schlütter- Maultrommel, traditionelle thüringische Instrumente 
Igor Flach - Mundharmonika 
Dodo Schielein - Handdrehorgel 

Die Ausstellung des Harmonika-Museums Trossingen zeichnet mit zahlreichen Exponaten die etwa 4500jährige Kulturgeschichte der Durchschlagzungen-Instrumente nach. Ihre Geschichte wurde bislang noch nicht zusammenhängend aufgearbeitet und dargestellt. 
Der Instrumentenbauer Friedrich Schlütter baut seit Jahrzehneten alte Instrumente seiner thüringischen Heimat nach, spielt sie und bewahrt sie so vor dem Vergessen. 
Der Berliner Mundharmonikavirtuose Igor Flach verknüpft eine bahnbrechend schnelle Spielweise mit seinem unverwechselbaren Sounds. 
Dodo Schielein verleiht einer durch gestanzte Platten bestückten Handdrehorgel durch Cluster-Bildungen, Geschwindigkeit und Überlagerung verschiedener Geräusch- und Rhythmuskomplexe einen faszinierenden Klangkosmos. 

Filme 

Iwan Schumacher - Die Maultrommel von Sibirien bis in die Schweiz DEFA-Dokumentarfilm über Friedrich Schlütter Gerd Conrad - Dokumentarfilm über Maultrommeln in Jakutien 
 

3.9.= 20 Uhr Konzert
Experiment Mundharmonika 

Carlos del Junco - Mundharmonika 
Marc Sepic - Gitarre 

Der kanadische Mundharmonikavirtouse Carlos del Junco gehört zu den Weltbesten auf diesem Instrument. Wie sein Mentor Howard Levy ist er auf der Suche nach erweiterten Klangwelten der Mundharmonika. Eigens für das Festival entsteht zusammen mit Marc Sepic ein neues Programm. 

Brendan Power - Mundharmonika 
N.N. - Gitarre 

Der Neuseeländer Brendan Power ist Maestro der "Irish Liks". Auf unerhört  ungehörte Weise versteht er es, die Mundharmonika irisch zu spielen. Seine exzellente Spieltechnik auf diatonischen wie chromatischen Instrumenten ermöglicht es ihm, unterschiedliche musikalische Einflüsse für seine eigenen Stücke und Improvisationen zu vereinen. Das führte zu zahlreichen Kollaborationen von Klassik bis Pop. 
 

4.9. = Vortrag 

17 Uhr Zur Kulturgeschichte der Durchschlagzungen-Instrumente 
            mit Dias und Live-Musik 

Christoph Wagner - Text, Lichtbilder 
Mike Addcok - Akkordeon 
Clive Bell - Sheng, Khène 
Sören Birke - Mundharmonika 

Christoph Wagner erforscht seit mehreren Jahren weiße Flecken der Musikgeschichte, die in Büchern und zahllosen Aufsätzen festgehalten sind. 
In seinem Vortrag wird ein weiter Bogen von den volksmusikalischen Anfängen bis zu Jazz, Pop und Avantgarde gespannt. Dieser Weg führt durch viele 
Jahrhunderte, Kontinente und  Stilrichtungen. 
 

4.9. 20 Uhr = Konzert 
Durchschlagzungen auf drei Kontinenten 

Mike Addcok - Akkordeon, 
Clive Bell - Sheng, Khène, Pi Saw (thailändische Flöte) 

Die beiden Musiker aus England haben sich ganz und gar den Durchschlagzungen-Instrumenten verschrieben, die sie in immer neu Zusammenhänge stellen. In ungewöhnlichen Klangcollagen gelingt ihnen die Verbindung zwischen asiatischer Tradition und europäisch geprägten modernen Einflüssen. Im Podewil werden sie ihr neuestes Projekt vorstellen. 

Ensemble Molam Lao - unter anderem Khen (Mundorgel) 

Das sechsköpfige Ensemble Molam Lao hat sich der Bewahrung der populären Musiktradition aus den südlichen Regionen von Laos verschrieben. In ihren Konzerten präsentieren sie Solo- und Duo-Stücke für die Mundorgel Khen, Musik für kleine Instrumentalensembles mit der Laute kachapi, der Trommel taphone und der Querflöte, sowie Lam-Gesängen. Einige der Melodien stammen aus dem 19.Jahrhundert und wurden damals auch am Königshof gespielt. Die laotischen Musiker leben seit der Machtübernahme durch die "Laotische Revolutionäre Volkspartei" 1976 in Paris im Exil. 
 

5.9.= 20 Uhr Konzert 
Durchschlagzungen auf drei Kontinenten 

Randy Raine-Reusch - Khen, Hulusheng, Bambus-Maultrommel 

Der kanadische Multinstrumentalist spezialisierte sich seit Jahrzehneten auf neue und experimentelle Musik auf "Weltinstrumenten". Dabei erforscht er die Beziehungen von Musik auf Psychologie, Philosophie sowie spirituelle und religiöse Praktiken. Er spielt hauptsächlich Instrumente Australiens, Borneos, Chinas, Indonesien, Thailands, der Philippinen, aber aber auch Koreas und Japans. 

Preußisch Blau 
Gerdt Conradt - Maultrommel, Shrutti - Box, Stimme 
Sören Birke - Mundharmonika, Maultrommel 

Die beiden Musiker improvisieren, zum Teil elektronisch verfremdet, mit Maultrommel, Mundharmonika, Shruttibox und Stimme. Ihre "Songs" mit Technozitaten, Atemvibrationen und asiatischen Verweisen, erobern einen schillernden Klangraum. Gerdt Conradt hat als Dokumentarfilmer auf seinen Filmreisen durch Asien diese Instrumente für sich entdeckt und erlernt. Sören  Birke erforschte die Kulturgeschichte der Mundharmonika. 

Organittos 
Totore Chessa - Organetto (italienisches diatonisches Akkordeon) 
Luigi Lai - Launedda 

Das Zusammenspiel von Instrumenten mit Metallzungen und Schilfrohrzungen ist seit den Anfängen dieses Jahrhunderts bekannt. Erste Aufnahmen gibt es aus 
den 30iger Jahren. Der eindringliche Sound dieser ungewöhnlichen Instrumentenkombination ist mitreißend und vorzüglich als Tanzmusik geeignet. Totore Chessa und Luigi Lai werden als lebende Legenden Sardiniens bezeichnet. 
 

10.9. = 19.30 Uhr Konzert 

Das Akkordeon in Berlin 
ARTett 
Gerhard Scherer - Akkordeon 
Chatschatur Kanajan - Violine 
Karen Lorenz - Viola 
Kathrin Sutor - Violoncello 

Das ARTett arbeitet seit 1992 und wird von Gerhard Scherer geleitet, der sich seit Jahren in Berlin herausragenden Aktivitäten um das Akkordeon zuwendet. (IKAB, forum akkordeon) Das Ensemble widmet sich hauptsächlich der Interpretation neuer Musik für Akkordeon und arbeitet mit herausragenden Komponisten zusammen. 

Electric Accordion Solo 
Lucca Venetucci - Akkordeon 

Lucca Venetucci entwickelt spezielle elektronische Verfahren zur Klangerkundung des Akkordeons. Daraus entstehen Sounds, die an andere der Durchschlagzungen-Instrumente erinnern, an die Familie der Instrumente sozusagen. 

Cage for Accordion 
Stefan Hussong - Akkordeon 
Irvine Arditti - Violine 
Six melodies (1950) for Violin and keyboard 
Two 4 (1991) for Violin and Sho 
Thirteen Harmonies (1976) for Violin and keyboard 

Wenn John Cage und Akkordeon gemeinsam Erwähnung finden, dann ist Stefan Hussong zu nennen, der das Gesamtwerk Cages für Akkordeon mit Irvine Arditti, Julius Berger und Mikolos Perenyi einspielte. Hussong zählt weltweit zu den wichtigsten Interpreten des Instruments. 

11.09.=20 Uhr 

Die Maultrommel 
Anton Bruhin - Elekrische Maultrommel, Wasser-Maultrommel 
Makigami Koiuchi - Voice 

"Mir scheint, daß die Musik früher extremer und moderner war. Musik, die auf 
anderen Prinzipien basiert als auf Tonika, Dominante und Subdominante, ist viel universaler als die temperierte Musikstimmungskultur der letzten hundert Jahre." (Anton Bruhin). Die Beschränktheit der Möglichkeiten auf der Maultrommel, der eine Grundton und was sich daraus machen läßt, faszinieren Bruhin. Das führte ihn zu Experimenten und Erfindungen, wie der elektrischen oder der Wasser-Maultrommel. Durch Merzbow lernte Bruhin Makigami Koichi kennen und es entstand eines der spektakulärsten experimentellen Duos für Maultrommel. 

Spiridon Schischigin - Maultrommel (Chomus) 
Ivan Alexejev - Maultrommel 

Seit gut 3000 Jahren drücken die Jakuten ihre Gefühle mit der Chomus aus, der jakutischen Maultrommel. Die beiden Chomusspieler gehören zu den Meistern ihres Instruments. Seit den 60er Jahren, nachdem Stalins Verbot des Chomusspiels aufgehoben wurde, erlebt dieses Instrument eine Renaissance. Chomusspieler werden als weise Menschen geachtet, die besondere Beziehungen zur Geisterwelt des jakutischen Schamanismus haben. 
Der Mathematiklehrer Spiridon Schischigin hat sich auf Heilung durch Maultrommelspiel spezialisiert. Ivan Alexejev gilt als Vater des modernen Maultrommelspiels. Er gründete ein Maultommelinstitut in Jakutsk und entwickelte eine Notierung für das Chomusspiel. 

12.09. Konzert 

Exkurs I 

20 Uhr Balloon Music 
Judy Dunaway - Ballons 

Vor den freischwingenden Zungen spielte der Wind. Judy Dunaway zähmt ihn in großen Luftballons. Sie erzeugt die Melodien und Klänge, indem sie dosiert 
Luft aus aufgeblasenen Ballons herausströmen läßt oder mit ihren Finger auf deren Oberfläche reibt, trommelt und scratcht. Sie entwickelte Spielechniken, bei denen die Öffnung der Ballons wie doppelte Zungen funktionieren. 

Exkurs II 

Hans Reichel - Daxophon 

Hans Reichel weiß, daß man Musik schwerlich neu erfinden kann. So ging er den "leichteren" Weg und erfand ein neues Instrument. Dazu brauchte er einen Cellobogen in der rechten Hand, ein flaches Stück Holz in der linken, und ein schmales, dünnes freischwingendes Brettchen, per Schraubzwinge an einer Tischkante festgeklemmt. Seine mehrspurig aufgenommenen Solostücke sind Besonderheiten der Musik. 
 

Matinee = 17 Uhr 

Mark Richli - Kunstharmonium 

Der Schweizer Mark Richli hat sich als Restaurator und Organist dem musikgeschichtlich sehr jungen Kunstharmonium verschrieben. Dieses hochkomplexe Instrument - es existieren nur noch wenige Exemplare - mit unbegrenzten dynamischen Möglichkeiten, integrierter Celesta und einem großen Klangfarbenreichtum, war bis in die Anfänge dieses Jahrhunderts ein populäres Bürgerinstrument, das heute kaum noch gespielt wird. Mark Richlis bewahrt dieses Instrument durch seine virtuose Spielweise vor dem Vergessen. 
Komponisten wie César Franck, Camille Saint-Saens und Siegfried Karg-Elert schrieben für dieses Instrument. 
 

Workshops 

Randy Raine-Reusch - Mundorgel-Workshop 
Carlos del Junco - Spezialworkshop für Mundharmonika 
Sören Birke/Igor Flach - Mundharmonika-Workshop 
Spiridon Shishigin - Maultrommel-Workshop 
Anton Bruhin - Maultrommelworkshop 
 

Änderungen vorbehalten! 


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